Einsamkeit, Not und Segen

Advent, Weihnachten, Neujahr 2021/22 wird aller Voraussicht nach eine stille Zeit werden. Kontaktbeschränkungen, Abstandsregeln und Maskenpflicht prägen den Alltag – Einsamkeit droht!

Einsamkeit ist ein Wort, das zurzeit sehr häufig zu hören und zu lesen ist. In der Corona-Pandemie mit den verschiedensten Shutdowns werden die Ausgangs- und Besuchsmöglichkeiten in Senioren- und Altenheimen, in Krankenhäusern und Kliniken sowie in den Einrichtungen für Menschen mit Behinderung stark eingeschränkt. Auch die Kranken in den Palliativstationen sowie die Patienten der stationären und ambulanten Hospizversorgung sind davon betroffen. Für diese vulnerablen Personengruppen ist die Einsamkeit ein besonders großes Problem. Einsamkeit betrifft aber auch Jugendliche und Kinder und ebenso die, die in der Mitte des Lebens stehen. Einsamkeit kommt dann auf, wenn man nicht sein normales Leben leben und seine gewohnten Begegnungen haben kann. Die Veränderungen im täglichen Leben, die den Lebensrhythmus durcheinanderbringen, machen viele Menschen einsam. Einsamkeit ist das Gefühl der Verlassenheit und Isolation und ist mit den ängstlichen Fragen verbunden: Wer kümmert sich um mich? Wer steht mir bei? Auf wen kann ich mich verlassen? Einsamkeit ist eine wirkliche Not, die wir ernst nehmen und der wir begegnen müssen.
Die Einsamkeit kann aber auch zum Segen werden, auch, um der Einsamkeit zu begegnen. Menschen kommen endlich raus aus dem Hamsterrad des Alltäglichen und doch oft auch so Oberflächlichen. Sie können sich in der Ruhe und Stille neu ordnen und ihren Wertekanon neu erkennen. Dazu ist es nötig, die erste Phase der Entzugserscheinung durchzustehen, neue Lebensmöglichkeiten und neue Beziehungen zu entdecken. Die Einsamkeit kann zum Segen werden. Einsamkeit und Achtsamkeit scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben. Auf den zweiten schon. Achtsamkeit besteht darin, dass man darauf achtet, was wirklich gut für mich und für andere ist, was ich brauche und auch die Mitmenschen, was möglich und was nicht möglich ist in der jeweiligen Situation. Die Achtsamkeit hilft auch immer, andere und neue Dinge zu entdecken und neue Beziehungen zu ermöglichen, wenn sich Gegebenheiten verändern und Lockdowns aufkommen. Die Einsamkeit kann die Achtsamkeit stärken und die Achtsamkeit hilft, mit der Einsamkeit positiv umzugehen und sie zu bestehen..
Weihnachten und die Weihnachtstage 2021 werden eine stille Zeit werden. Nutzen wir sie zur Vertiefung der Achtsamkeit für uns selbst und füreinander. Das kann uns auch helfen, achtsam mit unserem Leben umzugehen, zu dem auch der Tod gehört. Wir können auch neu und vertieft lernen, achtsam zu werden für unsere Kranken und Sterbenden, für die Einsamen und Traurigen, auch für die Kinder und Jugendlichen.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr, in dem die Zeiten der Einsamkeit, die es immer wieder einmal gibt, fruchtbar werden für die Achtsamkeit, die ein hohes Gut in unserem Leben ist und auch ein Heilmittel gegen die Einsamkeit.

Dr. Ludwig Schick
Erzbischof von Bamberg

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